Soziale Landwirtschaft in Deutschland

In Deutschland hat sich die Entwicklung Sozialer Landwirtschaft bisher auf zwei Bereiche konzentriert: Höfe, die Menschen mit geistiger Behinderung integrieren, und Schulbauernhöfe. Erstere sind meist als „Grüne Bereiche“ sog. „Werkstätten für behinderte Menschen“ (WfBM) oder als Lebens- und Arbeitsgemeinschaften mit anthroposophischem Hintergrund organisiert.

Mit der Gründung der Bundesrepublik hatte man die Vorstellung, die Zusammenfassung von Menschen mit Behinderung in großen Einheiten – zur Gründung einer WfBM und Ansprüche auf Förderung ist die Mindestzahl von 120 betreuten Menschen erforderlich – würde am besten einen menschenwürdigen Umgang mit einer Personengruppe sicherstellen, die im Dritten Reich als „unwertes Leben“ galt und umgebracht wurde. Träger sind vielfach soziale und kirchliche Einrichtungen. Die "Grünen Werkstätten" sind - wie auch die Schulbauernhöfe ("Bundesarbeitsgemeinschaft Lernort Bauernhof", BAGLoB) - in bundesweiten Netzwerken organisiert, führen regelmäßig Fortbildungsveranstaltungen und Tagungen durch und unterhalten eigene Internetseiten (www.gruenewerkstatt.de, www.baglob.de).

Arbeit mit Pflanzen unt Tieren

Demgegenüber hinkt die Entwicklung Sozialer Landwirtschaft in anderen Bereichen der Entwicklung in Europa hinterher. Das „Witzenhäuser Positionspapier zum Mehrwert Sozialer Landwirtschaft“, das in Folge der Tagung „Der Mehrwert Sozialer Landwirtschaft“ mit deren Tagungsteilnehmern partizipativ erarbeitet wurde, fasst den Stand zusammen: „Landwirte und Menschen mit Hilfebedarf und deren Eltern, die selbst initiativ werden wollen, aber auch Therapeuten und Sozialarbeiter, die geeignete Höfe für ihre Klienten suchen: Sie alle sehen sich einem kaum durchschaubaren Dschungel an Gesetzen und Zuständigkeiten verschiedener Ansprechpartner, Kostenträger und Ministerien gegenüber, die sich zudem von Bundesland zu Bundesland unterscheiden. Schulbauernhöfe in freier Trägerschaft kämpfen um das wirtschaftliche Überleben, weil sie als außerschulische Erfahrungs- und Lernorte, die Kindern ein neues Verhältnis zu Tieren, Pflanzen und zur Ernährung eröffnen, kaum anerkannt sind. Mediziner und Therapeuten finden oftmals keine Adressen von geeigneten Höfen, die manchem Patienten neue Perspektiven eröffnen könnten. Und Höfe, die von hilfebedürftigen Personen oder deren Angehörigen angefragt werden, sind den Anforderungen selten gewachsen, weil dort für fachgerechte Betreuung die unterstützenden Strukturen fehlen. Es mangelt an Beratung, fachlicher Begleitung, an Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, Strukturen und Förderinstrumenten, die die Entwicklung Sozialer Landwirtschaft fördern könnten (van Elsen & Kalisch 2008).

Arbeit mit Pflanzen unt Tieren

Vielfach entstehen Initiativen trotz widriger finanzieller Rahmenbedingungen, obgleich sie Musterbeispiele für eine multifunktional verstandene Landwirtschaft darstellen, die zur Entwicklung ländlicher Räume, von Landschaften und regionalen Netzwerken beitragen. Die Ergebnisse des SoFar-Projekts zeigen, dass sich europaweit ökologisch wirtschaftende Betriebe in besonderem Maße für die Integration von zunächst landwirtschaftsfremden Menschengruppen eignen und vielfach genutzt werden. Im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft hat der Ökologische Landbau den maßgeblichen Vorteil, dass auf den vergleichsweise vielfältiger strukturierten Betrieben mehr Handarbeit anfällt und weniger Gefahrenquellen (etwa durch den Verzicht auf Pestizide) existieren. Dies war Anlass, in dem 2009 begonnenen Projekt „Soziale Landwirtschaft auf Biobetrieben in Deutschland“ nach Strategien zur Förderung Sozialer Landwirtschaft in Deutschland zu suchen. Ziel war, Angebote sozialer Höfe für weitere Nutzergruppen transparent zu machen, für die bisher kaum oder keinerlei Netzwerkstrukturen bestehen. Insbesondere bislang kaum Beachtung findende Initiativen, in denen soziale, therapeutische und pädagogische Anliegen im Vordergrund stehen, wurden als Fallbeispiele erfasst und untersucht (Schlussbericht des 1. Projektjahres mit Fallbeispielen: van Elsen et al. 2010).

Im Rahmen des Projekts wurde die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Soziale Landwirtschaft gegründet, die sich als Verbund der Vielfalt Sozialer Landwirtschaft in Deutschland entwickeln möchte. Bereits bestehende Netzwerke, etwa die „Grünen Bereiche“ der Werkstätten für Behinderte, das Netzwerk der Schulbauernhöfe (BAG-LoB) und der Verein alma, Netzwerk der Schulbauernhöfe (BAGLoB) und der Verein alma – siehe unten –, der nach niederländischem Vorbild eine Vermittlungsstelle für Anbieter und Nachfrager betreuter Arbeitsplätze in der Landwirtschaft aufbaut, sind einbezogen. Wie auch in anderen Ländern ist nicht eine Institutionalisierung das Ziel, sondern ein lockerer Verbund, der durch einen Adressverteiler (Netzwerk) zusammengehalten wird und in dem einzelne „Prozessverantwortliche“ Aufgaben übernehmen. Derzeit bilden sich Arbeitsgruppen in Form von regionalen und thematischen Netzwerken. Eine solche Arbeitsgemeinschaft kann dazu beitragen, dass Soziale Landwirtschaft in Deutschland den Stellenwert bekommt, den sie in mehreren Ländern im europäischen Ausland bereits hat: als ernstzunehmender Bereich multifunktionaler Landwirtschaft, der für sehr unterschiedliche, bisher kaum vernetzte Initiativen und Höfe Perspektiven im Spannungsfeld von Therapie, Einkommen, Lebensqualität und Beschäftigung bietet.

Über die aktuelle Entwicklung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Soziale Landwirtschaft informiert die Website www.sozialelandwirtschaft.de sowie ein Rundbrief, der kostenlos bei Thomas.vanElsen[at]petrarca.info bestellt werden kann. Über eine online-Hofsuche können zudem Soziale Landwirtschaftsbetriebe recherchiert werden.

VAN ELSEN, T. (2011): Soziale Landwirtschaft schafft Arbeitsplätze. – Agrarsoziale Gesellschaft e.V. (Hrsg.): Ländlicher Raum 62 (03): 53-57, Göttingen.