Einführung

Wie aus dem MAIE-Flyer ersichtlich wird, befindet sich die Tschechische Republik in Bezug auf Soziale Landwirtschaft in einem Pionier-Status. Es gibt vereinzelte Projekte, die soziale und landwirtschaftliche Aktivitäten verbinden, meistens mit nur geringer Akzeptanz offizieller Behörden und geringer finanzieller oder methodischer Unterstützung.

Vor allem der Ausdruck „Soziale Landwirtschaft“ (tschechisch: „sociální zemědělství”) ist im Land nicht bekannt. Bei entsprechenden Suchanfragen im Internet findet man nur Links zu unserer Nichtregierungsorganisation AREA viva oder unserem ökologischen Betrieb Biostatek, wo Programme Sozialer Landwirtschaft angeboten werden (die Klienten hier sind benachteiligte Jugendliche).

Weder Landwirte noch Sozialarbeiter können sich unter dem Begriff etwas vorstellen. Es gibt keine Verbindung zwischen ihren Branchen und auch keine Idee davon.

Fragmente

Die Projekte sind so isoliert, dass bislang nicht einmal ein Bedürfnis bestand, einen gemeinsamen Begriff für sie zu finden. Manchmal kennen sich die Anbieter sozialer Programme, aber höchstens informell, weil sie spontan eine inoffizielle Gemeinschaft bilden.

Soziale Landwirtschaft wird nicht als unverkennbares Thema wahrgenommen, über das man Artikel oder andere Publikationen verfassen könnte. Manchmal beschäftigen sich einzelne einige Seiten in Monographien oder Zeilen in Zeitschriften damit.

Außer der allgemeinen Unterstützung für Behinderte (die eher ein Teil der Beschäftigungsförderung als der Sozialen Landwirtschaft ist) gibt es keine staatliche Förderung, auch nicht befristet.

Überblick über bestehende Projekte, um die Situation der Sozialen Landwirtschaft in unserem Land kurz und nachvollziehbar zu beschreiben:

Ziegenhof Nová Víska – Früher (vor 40 Jahren) versuchte die Stadtverwaltung Prag ihre geistig behinderten Bürger irgendwo zu verstecken. Sie wählten die sehr strukturschwache Region Nordböhmen. Nach der Samtenen Revolution gab es eine Aufklärungsbewegung in dieser Region. Eine neu gegründete Nichtregierungsorganisation kaufte einen früheren Kuhstall, um ihn in einen Ziegenhof umzuwandeln und Arbeitstherapie für behinderte Menschen aus Prag anzubieten. Sie arbeiteten nicht sehr effektiv, so dass das landwirtschaftliche Einkommen nicht die Basis bilden könnte. Darum bezahlte die Krankenhausverwaltung die Bauern für die Pflege ihrer Klienten. Die Ziegenfarm Nová Víska wurde relativ oft in Fachmedien als gutes Praxisbeispiel in der Behandlung geistig behinderter Menschen genannt. Bis vor fünf Jahren konnte sie gut arbeiten; dann entschied die Prager Stadtverwaltung, dass hier zu viel Geld für nutzlose Tätigkeiten verschwendet wird und jemand anderes davon profitiert… der Hof im Besitz der Nichtregierungsorganisation. Das Spiel ist vorbei, der Hof produziert jetzt vorzüglichen biologischen Ziegenkäse und die behinderten Menschen sind in einem Haus in einem Dorf eingesperrt.

Der soziale Hof Vlčkovice – eine ehemalige Festung in Zentralböhmen… „Es ist nicht so schwierig, einen konventionellen Hof in einen sozialen umzuwandeln. Man kann die entsprechende Ausstattung mit Freunden oder Freiwilligen einrichten, man kann dafür sogar finanzielle Quellen finden. Probleme treten erst auf, wenn man nach Geld für die reguläre, alltägliche Arbeit mit behinderten oder ausgeschlossenen Menschen fragt. Es gibt überall eine Menge sinnvoller Arbeit zu erledigen und gut ausgebildete Assistenten stehen bereit, ihren Beruf auszuüben, aber die öffentlichen Gelder werden eher dafür verwendet, behinderte Menschen im Haus mit allen Dienstleistungen zu versorgen statt sie außerhalb ohne Hilfe arbeiten zu lassen“, sagt Bc. Jan Počepický, der Vorsitzende des Hofes in Vlčkovice, der seine Möglichkeiten gerne für Programme Sozialer Landwirtschaft nutzen möchte. Sein Team könnte sogar die Resozialisierung ausgegrenzter Bevölkerungsgruppen ermöglichen, die auf dem Hof mit wenig Hilfe, Kontrolle und Budget tätig werden könnten. Es gibt nicht einmal Ressourcen, um Sozialarbeiter zu unterstützen.

Der Soziale Hof Chedrbí eine Werkstatt für behinderte Menschen, die von der Diakonie der Evangelischen Kirche der Tschechischen Brüder in Ostböhmen geführt wird. Die Männer in der Werkstatt mussten früher ihr Einkommen durch Stricken, Häkeln und Töpfern verdienen und fragten nach schwerer Arbeit. Deshalb reiste der Vorsitzende der örtlichen Diakonie, David Šourek, durch Europa, um sich Inspiration zu holen, was ihm in den Niederlanden gelang. Er mietete anschließend einen Hof in der Nähe. Jetzt bieten sie behinderten Menschen sowohl Tagespflege an, bei der die Klienten morgens kommen und nach einer Arbeitsphase wieder gehen, als auch ständige Unterbringungsmöglichkeiten. In diesem Fall ist das Ziel des Landwirtes nicht die Produktion, sondern die Beschäftigung behinderter Menschen. David Šourek zeigt das gleiche Problem auf wie Bc. Počepický: der unerwartete Abbau der staatlichen Fördermöglichkeiten für behinderte Menschen. Der Hof kann jederzeit Menschen beschäftigen, aber niemand kann die Angestellten bezahlen. „Bis 2013 werden die Personalkosten über den Europäischen Sozialfonds im Programm EQUAL getragen. Aber danach? Wir müssen an anderer Stelle Geld auftreiben oder so radikal sein, dass wir den Hof aufgeben.“ “

Der Hof „Freiheit“ – Herr Cvrček ist ein Rechtsanwalt in der Bezirksstadt Ústí nad Labem. Er erbte eine Hofanlage in 50 km Entfernung von seinem Büro, so dass er hier drei geistig und zwei leicht behinderte Menschen beschäftigte. Sie können den Platz selbstständig erreichen und bleiben daher nicht ständig auf dem Hof. Herr Cvrček bezahlt ihnen einen regelmäßigen Lohn und bekommt zum Ausgleich der Minderleistungen finanzielle Unterstützung vom Arbeitsamt. Herr Cvrček kann es sich nicht leisten, den Arbeitern soziale oder methodische Assistenz zu bezahlen. Der Hof produziert Mais und Rindfleisch. Wie weiter unten ausgeführt wird, soll in Kürze ein neues Gesetz verabschiedet werden, dass die Bedingungen zur Beschäftigung behinderter Menschen verschlechtert. Daher ist er bereit, die Rinder ins Schlachthaus zu schicken und die Beschäftigten zu entlassen. Das wäre schade. Der Hof „Freiheit“ ist einer von nur drei Höfen in der Tschechischen Republik, der seine Tore behinderten Menschen öffnet.

Strafvollzugsanstalten Belušice und Drahonice – die tschechischen Gefängnisse sind verpflichtet, einen Teil ihrer Insassen zu beschäftigen, mindestens 60% der geeigneten Personen. Die erwähnten Strafvollzugsanstalten beschreiben sich selbst als diejenigen, die diese Aufgabe erfolgreich erfüllen. Beide schicken ihre Insassen zu gewerblich ausgerichteten Tätigkeiten. Saisonal ist dies Landwirtschaft. Eine bewachte Gruppe von Gefangenen kommt morgens auf einen Hof und bleibt dort acht Stunden. Das ist eine lange Arbeitszeit angesichts der geringen Löhne, die der Landwirt zahlt. Im Allgemeinen ist die Motivation jedoch groß, weil die Gefangenen so nach draußen kommen. Sie arbeiten effektiv, weil sie weder geistig noch körperlich behindert sind. Außerdem werden sie bewacht.

Die zentralisierte, staatliche Unterstützung des Arbeitsamtes führt dazu, dass die üblichen Klienten Sozialer Landwirtschaft Menschen mit einer physischen Behinderung sind. Man kann sagen, dass die Zielgruppe durch die Möglichkeiten finanzieller Unterstützung für Beschäftigung bestimmt wird.

Dann werden diese Klienten als behinderte Menschen (osoby zdravotně postižené - OZP) durch einen autorisierten Arzt klassifiziert. Als erstes werden sie trainiert, um eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden und bekommen Assistenz, um diesen zu behalten. Die Förderung wird vollständig vom Arbeitsamt organisiert und durchgeführt und dauert bis zu 24 Monate. Es handelt sich eher um Beschäftigungsförderung als um eine soziale Frage.

Arbeitsstellen für behinderte Menschen werden „geschützt“ genannt und die Unternehmer müssen sie bereitstellen: Wenn mehr als 50% ihrer Belegschaft aus behinderten Menschen besteht, bekommen sie bis zu 8.000 Tschechische Kronen (ca. 320 €) monatlich pro behindertem Mitarbeiter. Die Unternehmer sind außerdem angehalten, Werkstätten für behinderte Menschen zu unterhalten, in denen mehr als 60% der Belegschaft aus behinderten Menschen besteht. Firmeninhaber mit mehr als 25 Beschäftigten müssen mindestens 4% ihrer Arbeitsplätze für behinderte Menschen zur Verfügung stellen.

Nach offiziellen Listen von Organisationen, die behinderte Menschen beschäftigen, - herausgegeben vom Ministerium für Arbeit und Soziales – gibt es 859 Unternehmen mit 34.500 behinderten Angestellten. Nur drei davon sind landwirtschaftliche Unternehmen. Sie haben insgesamt 47 Arbeitsstellen für behinderte Menschen..

Alle drei (der Hof „Freiheit“ ist einer von ihnen) betreiben den Hof selbst und beschäftigen behinderte Menschen nur aus einem sozialen Engagement heraus, wie sie sagen. Keiner von ihnen beschäftigt einen Sozialarbeiter oder eine ausgebildete Person, um den behinderten Menschen zu assistieren.

Ohnehin soll im Juli 2012 ein neues Gesetz verabschiedet werden. Es würde die Situation so stark verändern, dass alle drei Höfe ihr soziales Engagement aufgeben würden. Nach dem neuen Gesetz werden nur noch Arbeitsstellen akzeptiert, die vom Arbeitsamt zertifiziert wurden (mehr Bürokratie und Inspektionen), ein Unternehmer würde behinderte Menschen zuerst 12 Monate lang beschäftigen müssen, bevor er Unterstützung erhält (keine Förderung im ersten Jahr), die Förderung wird auf 6.000 Tschechische Kronen beschränkt (ein Minus von 25%).

Gemeinnützige Arbeit:

1) Langzeitarbeitslose werden finanziell unterstützt, es ist nicht möglich, sie in gewerblich orientierten Unternehmen zu beschäftigen, sondern nur in öffentlichen Körperschaften, also keine landwirtschaftlichen Betriebe. Es gibt in unserem Land keine landwirtschaftlichen Betriebe in öffentlicher Trägerschaft.

2) Organisiert von der Bewährungs- und Mediationshilfe als alternatives Strafmaß, wiederum nur innerhalb öffentlicher Körperschaften.

Es gibt eine Menge bezüglich der Sozialen Landwirtschaft in unserem Land zu tun!